AHA's Blog

Massenmedien – Geheime Miterzieher der Jugend? | 17. September 2010

Die Bewahrpädagogik ist die älteste Methode der Medienpädagogik. Sie nahm in der Vergangenheit eine rein kritische Haltung gegenüber den Medien an und versuchte die Heranwachsenden vor dem schlechten Einfluss der Medien zu beschützen. Dies geschah vor allem durch Prävention und Reglementierung. Schon im Zeitalter des Buches lautete der Vorwurf Jugendlichen würde eine Scheinwelt vorgespielt und der Konsum von Büchern würde zu einem Verlust der Werte führen. Mit Aufkommen des Bewegtbildes kam dazu noch die Kritik, dass die kindliche Phantasie vernichtet würde. Kino wurde Anfang des 20. Jahrhunderts sogar als der gefährlichste Erzieher des Volkes tituliert (Franz Pfemfert, 1911). Jedes neu aufkommende Medium wurde auch in der Nachkriegszeit so erst einmal nur mit Kritik begegnet. Ulrich Beer entwickelte in den 60iger Jahren erzieherische Arbeitshilfen im Umgang mit Medien. In einer davon schreibt er über die Macht und die Wirkung der Massenmedien. Er nennt sie „die geheimen Miterzieher der Jugend“. Aus seiner Sicht führt der Einfluß der Massenmedien zu sowohl physischer als auch psychischer Gefährdung der Konsumenten insbesondere der Jugend. Der Konsum von Massenmedien führe zu Bewegungsmangel, aber auch zu geistiger Passivität, zu Nervösität und Überreiztheit und zur körperlichen Frühreife, während die charakterliche, emotionale Entwicklung zurückbliebe. Dazu kämen ein verfälschtes Weltbild durch die ständige Präsentation von stilisierten Vorbildern, einer verkitschten Gefühlswelt, und einer Gesellschaft und Umwelt, die nur aus Extremen besteht – entweder ist etwas schön, gut und edel oder schlecht, hässlich, und verroht. Die Werte würden durch die Massenmedien umgewertet. Es regiere das Äußerliche, zwischenmenschliche Beziehung wird auf Kitsch und Sexualität reduziert und Gewalt in der Gesellschaft würde kultiviert. Allein dadurch, dass sich Erzieher die Wirkung der geheimen Miterzieher verdeutlichen, gäbe man sich die Chance diese zu überwinden. Er nimmt dabei aber nicht eine reine „Bewahr“-Haltung an, sondern erkennt, dass dem Einfluss der Massenmedien nicht aus dem Weg gegangen werden kann, sondern sich mit ihnen auseinander gesetzt werden muss. Pädagogische Möglichkeiten sieht er in der Aufklärung der Erwachsenen, den sie gäben mit ihrem Konsumverhalten das persönliche Beispiel für die Jugendlichen, und in aufklärenden Gesprächen mit den Jugendlichen selbst. Als eine einfache und wichtige Methode nennt er hier den Vergleich zwischen primitiver und guter Literatur und schlägt vor Stellen aus primitiven Büchern (Comics, Schundroman) und guter Literatur und Dichtung im Wechsel zu lesen und sie auf sich wirken zu lassen. Eine Chance im Umgang mit Massenmedien sieht er in der aktiven Verarbeitung des Materials. Das Hinführen von der bloßen Rezeption zur eigenen Gestaltung führt aus der Passivität heraus hin zu Kreativität und schöpferischer Tätigkeit. Er führt hierzu die Beispiele an vom Konsum der Illustrierten zur Montage, vom Rundfunkhören zu eigenen Tonbandaufnahmen. Vom Bilder anschauen zum Fotografieren und Filmen. Herr Beer strebt demnach eine Entwicklung der Jugendlichen von reinen Konsum der Massenmedien zum aktiven Umgang und Gestalten mit Medien an. Die Gefährdungen, die Herr Beer im Konsum der Massenmedien sieht, kann ich durchaus nachvollziehen. Fragt man heue Gymnastik- oder Turnlehrer, dann bestätigen diese aus eigener Erfahrung, dass heute Kinder viel größere Probleme mit der Motorik und Kondition haben als früher. Ist der Körper bei Fernsehschauen sehr passiv, das Gehirn ist es nicht. Ich kann bei meinen eigenen Kindern immer wieder feststellen, wie erregt und überdreht sie nach dem Sitzen vor dem Fernsehen sind. Auf der anderen Seite beflügeln manche Fernsehsendungen die Kinder in ihrer Phantasie im Rollenspiel,und sie toben nach dem passiven Konsum um so mehr durch die Landschaft. Werbung wird gemeinhin auch sehr gerne von Ihnen angeschaut , weil es ihnen Spaß macht sich vorzustellen, was man alles haben könnte. Schon im Grundschulalter entwickelte sich aber die Erkenntnis dafür, was Werbung eigentlich ist und warum sie angeboten wird und das fast ohne das Zutun eines Erziehers. Ich denke es gibt im Fernsehen und Radio aber auch durchaus und auch schon seit vielen Jahren Sendungen, die wenig gefährdend aber sehr interessant Inhalte für Kinder aufbereiten, sondern auf kindgerechte Weise die Welt erklären. Ich denke da an viele Sendungen des öffentlich, rechtlichen Rundfunks vorne an „Die Sendung mit der Maus“. Die neuen Medien rund um das Internet bieten heute darüber hinaus sehr viel mehr Möglichkeiten der Gestaltung, sich auszudrücken, zu kommunizieren, führen aus der Passivität heraus. Die Bewegungsarmut allerdings bleibt. Die Methoden, die Herr Beer anführt, führen dazu, dass Heranwachsende nicht dem Medienkonsum überlassen werden, sondern sich mit ihnen gemeinsam darüber auseinandergesetzt wird. Das finde ich an sich sehr vernünftig. Die Methoden und die Beispiele, die er aufzeigt, sind aus meiner Sicht allerdings etwas überarbeitungswürdig.

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Veröffentlicht in edumedia, medienpädagogik

2 Kommentare »

  1. Du schreibst, die Methoden und Beispiele seien „überarbeitungswürdig“. Was müßte man an Beers Konzept ändern, damit es (heute) funktionieren könnte?

    Kommentar von Judith — 28. September 2010 @ 3:45 am

    • Das Gestalten und Handeln mit Medien gegenüber der reinen Rezeption anzuregen scheint mir ein gutes Mittel gegen den passiven Medienkonsum zu sein. Hier würde ich allerdings eher die Interessen des Jugendlichen und die Konvergenz der Medien nutzen und den Jugendlichen anregen z.B. Informationen zu seinen Fernsehstars im Internet zu recherchieren, eigene CDs mit ausgewählter Musik zu gestalten oder Fotos am Bildschirm weiterzuverarbeiten… Heranwachsende sollten im Umgang mit Medien nicht allein gelassen werden, sondern die Mediennutzung sollte gemeinsam stattfinden, um Inhalte zusammen reflektieren zu können. Der reine Vergleich der Qualität von Inhalten ist meiner Meinung dabei nicht wirklich hilfreich. Es sollte vielleicht eher die Intention und Wirkung der Inhalte betrachtet werden.

      Kommentar von sagshier — 12. Oktober 2010 @ 9:26 pm


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