Die Bewahrpädagogik ist die älteste Methode der Medienpädagogik. Sie nahm in der Vergangenheit eine rein kritische Haltung gegenüber den Medien an und versuchte die Heranwachsenden vor dem schlechten Einfluss der Medien zu beschützen. Dies geschah vor allem durch Prävention und Reglementierung. Schon im Zeitalter des Buches lautete der Vorwurf Jugendlichen würde eine Scheinwelt vorgespielt und der Konsum von Büchern würde zu einem Verlust der Werte führen. Mit Aufkommen des Bewegtbildes kam dazu noch die Kritik, dass die kindliche Phantasie vernichtet würde. Kino wurde Anfang des 20. Jahrhunderts sogar als der gefährlichste Erzieher des Volkes tituliert (Franz Pfemfert, 1911). Jedes neu aufkommende Medium wurde auch in der Nachkriegszeit so erst einmal nur mit Kritik begegnet. Ulrich Beer entwickelte in den 60iger Jahren erzieherische Arbeitshilfen im Umgang mit Medien. In einer davon schreibt er über die Macht und die Wirkung der Massenmedien. Er nennt sie „die geheimen Miterzieher der Jugend“. Aus seiner Sicht führt der Einfluß der Massenmedien zu sowohl physischer als auch psychischer Gefährdung der Konsumenten insbesondere der Jugend. Der Konsum von Massenmedien führe zu Bewegungsmangel, aber auch zu geistiger Passivität, zu Nervösität und Überreiztheit und zur körperlichen Frühreife, während die charakterliche, emotionale Entwicklung zurückbliebe. Dazu kämen ein verfälschtes Weltbild durch die ständige Präsentation von stilisierten Vorbildern, einer verkitschten Gefühlswelt, und einer Gesellschaft und Umwelt, die nur aus Extremen besteht – entweder ist etwas schön, gut und edel oder schlecht, hässlich, und verroht. Die Werte würden durch die Massenmedien umgewertet. Es regiere das Äußerliche, zwischenmenschliche Beziehung wird auf Kitsch und Sexualität reduziert und Gewalt in der Gesellschaft würde kultiviert. Allein dadurch, dass sich Erzieher die Wirkung der geheimen Miterzieher verdeutlichen, gäbe man sich die Chance diese zu überwinden. Er nimmt dabei aber nicht eine reine „Bewahr“-Haltung an, sondern erkennt, dass dem Einfluss der Massenmedien nicht aus dem Weg gegangen werden kann, sondern sich mit ihnen auseinander gesetzt werden muss. Pädagogische Möglichkeiten sieht er in der Aufklärung der Erwachsenen, den sie gäben mit ihrem Konsumverhalten das persönliche Beispiel für die Jugendlichen, und in aufklärenden Gesprächen mit den Jugendlichen selbst. Als eine einfache und wichtige Methode nennt er hier den Vergleich zwischen primitiver und guter Literatur und schlägt vor Stellen aus primitiven Büchern (Comics, Schundroman) und guter Literatur und Dichtung im Wechsel zu lesen und sie auf sich wirken zu lassen. Eine Chance im Umgang mit Massenmedien sieht er in der aktiven Verarbeitung des Materials. Das Hinführen von der bloßen Rezeption zur eigenen Gestaltung führt aus der Passivität heraus hin zu Kreativität und schöpferischer Tätigkeit. Er führt hierzu die Beispiele an vom Konsum der Illustrierten zur Montage, vom Rundfunkhören zu eigenen Tonbandaufnahmen. Vom Bilder anschauen zum Fotografieren und Filmen. Herr Beer strebt demnach eine Entwicklung der Jugendlichen von reinen Konsum der Massenmedien zum aktiven Umgang und Gestalten mit Medien an. Die Gefährdungen, die Herr Beer im Konsum der Massenmedien sieht, kann ich durchaus nachvollziehen. Fragt man heue Gymnastik- oder Turnlehrer, dann bestätigen diese aus eigener Erfahrung, dass heute Kinder viel größere Probleme mit der Motorik und Kondition haben als früher. Ist der Körper bei Fernsehschauen sehr passiv, das Gehirn ist es nicht. Ich kann bei meinen eigenen Kindern immer wieder feststellen, wie erregt und überdreht sie nach dem Sitzen vor dem Fernsehen sind. Auf der anderen Seite beflügeln manche Fernsehsendungen die Kinder in ihrer Phantasie im Rollenspiel,und sie toben nach dem passiven Konsum um so mehr durch die Landschaft. Werbung wird gemeinhin auch sehr gerne von Ihnen angeschaut , weil es ihnen Spaß macht sich vorzustellen, was man alles haben könnte. Schon im Grundschulalter entwickelte sich aber die Erkenntnis dafür, was Werbung eigentlich ist und warum sie angeboten wird und das fast ohne das Zutun eines Erziehers. Ich denke es gibt im Fernsehen und Radio aber auch durchaus und auch schon seit vielen Jahren Sendungen, die wenig gefährdend aber sehr interessant Inhalte für Kinder aufbereiten, sondern auf kindgerechte Weise die Welt erklären. Ich denke da an viele Sendungen des öffentlich, rechtlichen Rundfunks vorne an „Die Sendung mit der Maus“. Die neuen Medien rund um das Internet bieten heute darüber hinaus sehr viel mehr Möglichkeiten der Gestaltung, sich auszudrücken, zu kommunizieren, führen aus der Passivität heraus. Die Bewegungsarmut allerdings bleibt. Die Methoden, die Herr Beer anführt, führen dazu, dass Heranwachsende nicht dem Medienkonsum überlassen werden, sondern sich mit ihnen gemeinsam darüber auseinandergesetzt wird. Das finde ich an sich sehr vernünftig. Die Methoden und die Beispiele, die er aufzeigt, sind aus meiner Sicht allerdings etwas überarbeitungswürdig.
In einem Beitrag zu Mediaculture online betrachtet Professor Dr. Hans Kübler das Feld der Medienpädagogik und deren wechselnde Zielsetzungen. Er setzt sich mit der Diskussion um den Begriff der “Medienbildung” auseinander und analysiert potentielle Inhalte und Ziele zwischen der Begegnung einer “Medienverwahrlosung” und der Informationsdidaktik (information literacy). Der Autor stellt dar, daß sich Lernziele im Bereich der Medienpädagogik in der Vergangenheit, nach dem Überwinden der reinen Bewahrpädagogik, an der Ausbildung von technischen Fertigkeiten und einem technischen Verständnis im Umgang mit dem Computer orientierten. Heute läge die Betonung zwar stärker auf den Anwendungsbezug, aber es werden dennoch überwiegend Bedienfertigkeiten gelehrt. Andere Medien, z.B. der Umgang mit den Massenmedien, würden in der Medienbildung weitestgehend getrennt davon behandelt. Ein schlüssiger, umfassender in die allgemeinbildenden Fächer integrierter Lehrplan für alle Medien und alle Schulformen existiere nicht oder nur in separierten Bruchstücken. Die Ausbildung von Bedienfertigkeiten würden zu dem noch durch die rasante Weiterentwicklung der Benutzer-schnittstellen zu intuitiven, intelligenten Bedienoberflächen an Wert und Nachhaltigkeit verlieren. Was bliebe dann noch zu lehren und lernen? Mit der sich entwickelnden Werschätzung und Nachfrage von Wissen und Wissensträgern in der Gesellschaft könnte, so der Autor, die Informationsdidaktik als Übersetzung von “information literacy” die Lücke füllen. Die Medienbildung orientiere sich dabei an der Vermittlung von Fähigkeiten im Umfang mit der Informationsflut. “information literacy” beschreibt das Vermögen zu erkennen, wann welche Art von Informationen benötigt werden und die Fähigkeit benötigte Informationen zu finden, zu bewerten und sie effektiv zu verwenden. Dabei sind die Informationsquellen nicht auf die technischen beschränkt, sondern diese Betrachtung schließt alle verfügbaren Arten von Quellen (technische Medien, Printmedien, Experten, Organisationen) ein. Der Autor stellt sich daraufhin sofort die Frage, was information literacy dann aber noch von Allgemeinbildung unterscheidet, ob diese nicht zumindest eine Basiskompetenz für alle Bildungsbereiche sei, weil sie die Fähigkeit zum Lernen selbst darstellt, und er schliesst daraus, dass Medienbildung doch dann wohl nur ein Teil von information literacy sei.
Der Autor sieht die Medienbildung selbst im Kreis drehend und meint nur dadurch den Kreis durchbrechen zu können, wenn Bildungs- und Lernziele nicht in Abhängigkeit technischer oder ökonomischer Gegebenheiten entworfen werden, sondern allenfalls vor dem Hintergrund dieser Gegebenheiten, jedoch beim Menschen selbst beginnend.
Wenn ich den Autor so richtig verstanden habe, dann stimme ich ihm zu, dass information literacy
-in der Moderne ein wichtiger Bestandteil der Allgemeinbildung sein sollte, weil sie grundlegende Fertigkeiten mitbringt, das eigene Lernen zu organisieren, – und sicherlich auch diesen Querschnittscharakter hat, weil sich informieren, Informiertheit und die Handhabung von Informationen und Informationsquellen nicht der Selbstbefriedigung dienen sollte (bei manchen Menschen mag das wohl so sein), also ich meine keinen Selbstzweck erfüllt, sondern für das Weiterkommen in Situationen, Aufgaben und Problemstellungen benötigt werden, die unabhängig von ihr existieren.
Ich stimme auch zu, dass Medienbildung nur einen Teil zu diesen Kompetenzen beisteuert, nämlich dann, wenn es um den Zugriff auf, die Darstellung, die Handhabung und die Bewertung von Informationen geht, die über technische, mediale Quellen bereitgestellt werden. Also der Begriff Medienbildung ist hier sicherlich nicht deckungsgleich, aber auch aus dem Grunde nicht, weil Medienbildung in meinen Augen auch noch mehr als information literacy ist. Medienbildung umfasst neben den instrumentellen Kompetenzen und dem strukturellen Verstehen , die meines Erachtens weiterhin von Wichtigkeit bleiben wird, auch wenn sie vielleicht in ihrer Ausprägung immer wieder den neuen technischen Gegebenheiten angepasst werden müssen – das ist meiner Meinung nach eine Problematik der Lehrplanentwicklung und des Lehrplan-Managements, die dem technischen Fortschritt hinterherhinken – doch auch die Ausbildung der Ausdrucks- und Gestaltungsfähigkeiten mit medialen Instrumentender und insbesondere die auditive und visuelle Genußfähigkeit bei der Medienrezeption, gerade in der heutigen Zeit, in der es von allen Seiten auf uns einprasselt. Letztere halte ich für einen wichtigen Bildungsbereich der Medienbildung, bei dem wir in der Tat wieder beim Menschen selbst sind, und der heute meines Erachtens noch gar oder nur sehr rudimentär in der Diskussion steht. Ich meine die Medienpädagogik hat in dem genannten Umfeld noch genügend Aufgaben, die noch nicht befriedigend gelöst und systematisiert sind – der Autor sprach z.B. auch den schlüssigen Lehrplan an, so dass ich meine, dass es keiner Neuinterpretation Bedarf. Vielleicht kann sich die Wissenschaft mehr mit Konzepten und Strategien für eine systematische Umsetzung, die mit der Entwicklung Schritt halten kann, beschäftigen und nicht versuchen den Bildungsverantwortlichen, -organisationen und -einrichtungen vorne wegzulaufen.